Rückblick auf den 3. BCI Kongress in Hamburg

Am 18. und 19. September fand in Hamburg der 3. BCI-Kongress statt, praktisch das deutsche Branchentreffen der Business Continuity Community. In einer stark verkürzten Management Summary der Veranstaltung kann man einfach sagen „wer nicht da war hat sehr Interessantes verpasst“.
Doch nun ein etwas ausführlicherer Rückblick auf die Veranstaltung. Aufgrund der parallelen Streams kann ich leider nur auf einige der Vorträge eingehen.
Ein Themenschwerpunkt der Veranstaltung war das Thema „workarea recovery“. Diese spannende Herausforderung in allen BCM-Projekten wurde in dem Vortrag von Hartmut Duwald von IBM stärker aus der Sicht eines Anbieters für Lösungen beleuchtet. Er zeigte in seinem Vortrag die Grenzen interner Lösungen auf sowie die Möglichkeiten, die externe Anbieter in Form von
– Dedizierten Notfallarbeitsplätzen
– Geteilten Notfallarbeitsplätzen oder
– Virtuellen Notfallarbeitsplätzen.
Uwe Naujoks beleuchtete die verschiedenen Alternativen für workarea recovery-Konzepte mit ihren spezifischen Vor- und Nachteilen sowie Kosten für die Lösungen
– Split production (Übernahme der Arbeit in einer anderen Lokation
– Internes Sharing hot (vollständig vorkonfigurierte Notfallarbeitsplätze)
– Internes Sharing warm (teilweise vorkonfigurierte Notfallarbeitsplätze)
– Internes Sharing kalt (nicht vorkonfigurierte Büroflächen).
Die Präsentation wurde gewürzt mit seinen reichhaltigen Erfahrungen aus BCM-Projekten im saudi-arabischen Raum: „dann kaufen wir eben Flugzeuge, um die Mitarbeiter in den 800 Kilometer entfernten Ausweichstandort zu bringen“.
Ein weiterer Themenschwerpunkt war der Einsatz von BCM-Tools, der in den Vorträgen aus unterschiedlichen Sichten beleuchtet wurde.
Uwe Bargstedt (Controll-IT) strukturierte in seinem Vortrag „Tooleinsatz in der Krisensituation“ die unterschiedlichen Typen von BCM-Tools nach den spezifischen Einsatzgebieten in den einzelnen Phasen eines Notfalls. Er unterschied hierbei zwischen
– Alarmierungs-Tools
– Krisenmanagement-Tools
– Tools für Notfallplanung und –Bewältigung
– Tools für die Business Impact Analyse
– Tools für BCM Auditing.
Die Anforderungen an Funktionalität, Daten und Schnittstellen an die BCM-Tools sind in den verschiedenen Phasen des Notfallmanagements sehr unterschiedlich. Während bei den Alarmierungstools die Abarbeitung und Quittierung von Alarmierungsketten in kurzer Zeit im Vordergrund steht, stehen bei den BIA-Tools Dokumentationen von Prozessen und Organisationsstrukturen als Grundlage für die BIA im Vordergrund. So unterschiedlich die Anforderungen an BCM-Tools sind, so verschieden sind auch die verfügbaren Lösungen der BCM-Toolanbieter.
Wie ein solcher Auswahlprozess vor sich gehen kann zeigten Frau Stauder und Herr Behre von der VR Leasing in ihrem Vortrag auf. Zunächst erwuchs aus der durchgeführten BIA die Erkenntnis, dass zur – revisionssicheren -Bewältigung der umfangreichen Daten der BIA ein BCM-Tool erforderlich wurde. Als Alternativen wurden die Vor- und Nachteile einer Stand-alone Lösung auf Access-Basis mit einer integrierten BCM-Lösung abgewägt. Durch das stark dezentral organisierte Notfallmanagement mit zwei Notfallmanagern und rund 30 Notfallbeauftragten, die für die Datenaktualisierung verantwortlich sind, war hier das integrierte BCM-Tool klar im Vorteil auch wenn die Investitionskosten zunächst deutlich höher waren. Eine Analyse des BCM-Toolmarkts zeigte, dass der BCM-Toolmarkt gerade hinsichtlich der Unterstützung der BIA-Funktionalität einem starken Wandel unterliegt und es das ideale Tool (noch?) nicht gibt. Die Erfahrungen mit dem eingesetzten Tool zeigen, dass die erwarteten Nutzeneffekte gehoben werden können. Doch gibt es auch weitere Punkte bei einem BCM-Tooleinsatz zu bedenken wie der Schulungsaufwand bei Mitarbeiterwechseln der dezentralen Notfallbeauftragten.

Das Thema Krisenkommunikation wurde ebenfalls aus unterschiedlichen Sichten durch zwei Vorträge beleuchtet. Michael Müller (KPMG) stellte in seinem Vortrag die Bedeutung der Krisenkommunikation anhand des Fallbeispiels der Coca Cola Kolik von 1999 plastisch dar. Coca Cola musste 1999 über 18 Millionen Flaschen vom belgischen Markt nehmen, nachdem Schulkinder Symptome von Übelkeit und Erbrechen nach dem Genuss von Coca Cola hatten. Doch es gibt Handwerkszeug zur Krisenprävention wie Issue – und Reputation Management und zur kommunikativen Krisenintervention wie Krisenprofiling und Kommunikationsstrategie. „Wer schweigt hat Unrecht“ lautete der Titel von Axel Bédé zum Thema Krisenkommunikation. Mit zahlreichen Beipielen und Videosequenzen wurde in diesem Vortrag der Prozess der Meinungsbildung mit all seinen Tücken für die Unternehmenskommunikation aufgezeigt. Wie schlecht kann ein Pressesprecher nach einem Produktrückruf live im Fernsehen agieren? Sechs Minuten liefen uns Zuschauern Schauer über den Rücken bei dem Fernsehmittschnitt des Versuchs der Mattel-Pressesprecherin den Produktrückruf von Kinderspielzeug glaubhaft zu erläutern.
Es gibt keine einheitlichen Branchenstandards für das Business Continuity Management, so Gartner in der Business Continuity Studie „The Business Continuity Manager“, die ich in meinem Vortrag zum geschäftsprozessorientierten BCM kurz vorgestellt habe. Zwei Standards haben wir in dieser Konferenz vorgestellt bekommen. Der BS 25999 wurde durch Gabriele Rauße und Arndt Sandler von Britisch Standards vorgestellt. Wie kam es zu dem Standard?, wer hat daran mitgewirkt? Und welches sind die zentralen Inhalte? Herr Sandler als geübter Trainer war in seinem Element und hat uns den trockenen Standard lebendig vermittelt. Doch es gibt nicht nur diesen einzig zertifizierbaren BCM-Standard weltweit. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik mit dem ganz ähnlichen Kürzel BSI hat auch einen BCM-Standard auf der Zielgeraden. Frau Dr. Moschgath vom BSI zeigte den aktuellen Stand und die weiteren Zukunftspläne für den lang erwarteten BSI 100-4 Notfallmanagement. „Fluch oder Segen“ so der neugierig machende Titel des Vortrags. Gegen Ende diesen Jahres soll er also kommen der deutsche Standard für Behörden und Unternehmen. Eine Zertifizierung nach diesem Standard ist nicht geplant, dafür aber die Integration in die Grundschutz-Kataloge. Aus meiner persönlichen Sicht werden diese Standards sehr gut nebeneinander existieren können. Und Wettbewerb hat noch nie geschadet.
P.S. Es läuft übrigens noch die Umfrage zum Einsatz von BCM-Standards hier bei bcm-news!

Den Blick in die Zukunft gerichtet hat Rolf von Rössing mit seinem Vortrag über Business Resilience. Wir müssen noch ein bisschen üben diese schwere Wort flüssig über die Lippen zu bringen. Doch der Grundgedanke eines gegen Krisen widerstandsfähigen Unternehmens lohnt diese Mühe sicherlich. Am Beispiel des Eisenbahnunglücks von Eschede wird deutlich, dass das Erkennen von Frühwarnsignalen große Katastrophen verhindern kann.
Zum Abschluß der Veranstaltung haben wir im Plenum einen mutigen Versuch unternommen, Key Performance Indikatoren für das BCM zu entwickeln. Ein schwere Übung, wie sich schnell herausstellte. Doch werden wir daran hartnäckig weiterarbeiten. Matthias Rosenberg wird hierzu ein Wiki aufsetzen, so dass wir alle an den KPI weiterarbeiten können. bcm-news wird wie versprochen über en weiteren Verlauf berichten.
Neben den interessanten Vorträgen, von denen ich hier leider nur einen Teil ansprechen kann, gab es eine kleine Ausstellung zu besichtigen und natürlich unzählige Fachgespräche in den Pausen zu führen, die durch Nichts zu ersetzen sind und die kleine aber feine BCM-Community weiter zusammenschweissen.
Auch hier noch einmal ein ganz herzliches Dankeschön an die Organisatoren des Kongresses. Die Vorträge wurden wieder aufgezeichnet und Olaf Kock hat hoch und heilig versprochen die Veröffentlichungen in continuitycast schnell umzusetzen. Dann sind Sie (fast) live dabei! Besser aber noch: live dabei in 2009!
Wie haben Sie den Kongress erlebt? Was fanden Sie klasse, was nicht so? Welche Wünsche haben Sie an den Kongress im nächsten Jahr? Nutzen Sie doch einfach die Kommentarfunktion zu diesem Eintrag!

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