Wohin mit dem Tamiflu?

Vor ein paar Jahren startete die große Welle der Pandemieplanungen. Bund, Länder, Kommunen und Unternehmen erstellten in Projektgruppen hektisch Pandemiepläne. Die Zulieferer von Hygienemitteln kamen mit ihren Lieferungen der Nachfrage nicht mehr nach. Konferenzen, Tagungen und Schulungen zum Thema überschlugen sich. Die Firma Roche erlebte eine Sonderkonjunktur mit dem Impfmittel Tamiflu als Quasi-Monopolist.

Alleine die Stadt Stuttgart hat im Rahmen der Pandemievorsorge 100.000 Atemschutzmasken und 300.000 Tabletten Tamiflu an einem geheimen Ort eingelagert. Das Medikament ist als Prophylaxe für Mitarbeiter in Schlüsselfunktionen (Feuerwehrleute, Pflegekräfte, Ärzte und Polizisten) bestimmt. Auch viele Unternehmen haben sich mit einem Vorrat an Tamiflu eingedeckt.

Mittlerweile ist Besonnenheit in die Pandemievorsorge eingekehrt. Auch Roche hat den Rückgang der ersten Verkaufswelle von Tamiflu in den Bilanzen zu spüren bekommen.

Mit einem besonnenen Blick auf die Pandemieplanungen werden auch die Lücken fieberhaft erstellter, aber nicht abgestimmter Pandemieplanungen erkennbar.

Auch die kritischen Wirkungsketten, die bei der Pandemievorsorge berücksichtigt werden müssen, werden langsam sichtbar.

Nun taucht eine weitere Herausforderung auf: die Haltbarkeit von Tamiflu ist auf fünf Jahre begrenzt. Viele Käufer des Medikaments müssen sich nun mit der Situation auseinandersetzen, wie zum einen mit den abgelaufenen Medikamenten verfahren werden soll und ob erneut hohe Summen in neue Bestände investiert werden sollen.

Vor genau dieser Herausforderung steht im Moment die Stadt Stuttgart, die im Jahre 2010 die 400.000 teure Arznei ersetzen muß (Stuttgarter Zeitung vom 20.02.2009).

Alleine die Verwertung des ablaufenden Medikaments erscheint als Herausforderung, da Roche offensichtlich nicht bereit ist, das Medikament nach Ablauf zurückzunehmen. Andere Verwertungsmöglichkeiten sind gesetzlich massiv eingeschränkt. Hinzu kommen die anstehenden Investitionen in neue Vorräte angesichts einer deutlich angespannteren Finanzlage in den Unternehmen und öffentlichen Unternehmen. Auch hat sich die Entwicklungszeit für einen Impfstoff im Falle einer Pandemie deutlich verkürzt, so dass sich die Frage stellt, inwieweit und wieviel Medikamente zur Prophylaxe eingelagert werden sollten. In den Unternehmen kommt die schwierige ethische Frage hinzu, wer im Falle einer Pandemie mit dem Impfstoff versorgt werden sollte – und wer nicht. Alleine Roche dürfte sich nicht gegen eine erneute Verkaufswelle von Tamiflu stemmen.

Ungeachtet dessen ist die Gefahr einer Pandemie unverändert latent, wie die aktuellen Fälle von H5N1-Infektionen weltweit zeigen.

WHO H5N1 02.03.09
WHO H5N1 02.03.09