BIA – die Suche nach dem “wunden Punkt”

Methodische Diskussionen verstellen manchmal den Blick, wozu eine Business Impact Analyse (BIA) dient. Im Kern geht es um die Identifikation der “wunden Punkte” eines Unternehmens. Wie bei einem Organismus gibt es in Unternehmen einige Stellen, an denen die Verwundbarkeit extrem groß ist. Boxer versuchen den Gegner ganz bewusst an bestimmten Stellen zu treffen, die zum sofortigen k.o. des Gegners führt. Eine dieser Stellen liegt im Bereich des Kinns. Bei einem Kinnhaken wird das Gehirn mit maximaler Wucht gegen die Schädeldecke gedrückt, der Gegner geht unmittelbar zu Boden, der Kampf ist zu Ende.

Die internen und externen Leistungsprozesse eines Unternehmens sind hochgradig vernetzt. Auch kleine und scheinbare unbedeutende Unternehmensressourcen können zu einem dieser “Kinnhaken” für ein Unternehmen werden. Diese “wunden Punkte” können innerhalb eines Unternehmens in Gestalt von Prozessen / Prozessschritten, Mitarbeitern, IT-Services, Gebäuden, Anlagen und Betriebsmittel vorliegen. An der Schnittstelle zur Umwelt des Unternehmens liegen die “wunden Punkte” häufig bei Dienstleistern, Zulieferprodukten und in den Vertriebs- und Absatzkanälen.

In Produktionsabläufen sind diese kritischen und sensiblen Stellen leichter zu identifizieren. Ein Auto kann noch so perfekt produziert sein, ohne ein Schließsystem ist es einfach nicht verkäuflich. Der Ausfall des Herstellers für Autoschlösser Kiekert im Jahr 1998 liegt zwar bereits lange Zeit zurück, ist aber ein sehr eindrückliches Beispiel, wie ein derartiger “Kinnhaken” zum k.o. und damit dem Produktionsausfall führen kann.

Die immer stärkere internationale Vernetzung der Produktions- und Dienstleistungsprozesse, wie auch die deutliche Zunahme der Prozessgeschwindigkeiten führt zu mehr Effizienz und einem höheren Abwicklungsvolumen. Die Arbeitsteilung führt allerdings auf der anderen Seite zu einer deutlichen Erhöhung der Anzahl an “wunden Punkten”. Und diese “wunden Punkte” sind viel besser versteckt. Ein Drittel der Ausfälle in der Lieferkette sind auf Ursachen in der nachgelagerten Lieferkette zum direkten  Lieferanten (>= Tier 2-Lieferanten) zurückzuführen, so das Ergebnis der Supply Chain Resilience Study 2012 des Business Continuity Institute BCI. Diese kritischen Stellen auszumachen um entsprechende Vorsorgemaßnahmen treffen zu können erfordert viel detektivisches Gespür und einen ganz langen Atem. Die Identifikation der kritischen Prozesse innerhalb eines Unternehmens ist dagegen ein Kinderspiel. Auf diese Herausforderungen wird sich das Business Continuity Management in Zukunft immer stärker ausrichten müssen. Die methodischen Werkzeuge müssen für diese Aufgabenstellungen weiterentwickelt werden. Insbesondere funktioniert dies jedoch nur, wenn das BCM nicht isoliert betrieben wird, sondern eng mit den anderen Unternehmensprozessen verzahnt wird. Im Supply Chain Continuity Management sind dies beispielsweise die Einkaufsprozesse. Erst das Verständnis BCM als integralen Bestandteil der Leistungsprozesse zu begreifen führt zu einer erhöhten Widerstandskraft “Resilience” und dem Schutz “wunder Punkte” im Unternehmen. BCM ist sozusagen die “Deckung des Boxers” für das Unternehmen.

Save the date: Treffen des BCM-Grüpple Stuttgart am 11. Juni

Das BCM-Grüpple ist am 11. Juni ab 14:00 Uhr zu Gast bei ComBack in Oberreichenbach (Anfahrtsbeschreibung-CITA). Neben einer Führung durch das ehemalige  Ausweichzentrum der Landesregierung BW werden wir uns in diesem Termin inhaltlich der Business Impact Analyse widmen. Die BIA ist und bleibt eines der Kernelemente des BCM und stellt bei der Durchführung hohe Anforderungen. Wir versuchen, die Fragen und Probleme gemeinsam zu erörtern und Good Practices herauszufinden. Die Treffen des BCM-Grüpple sind offen für alle Interessierte. Bitte melden Sie sich bei admin@bcm-news oder doodle zu dem Termin an, damit wir disponieren können.

Wichtiger organisatorischer Hinweis:

Für den Zutritt ist aus Sicherheitsgründen zwingend ein Lichtbildausweis erforderlich!

Rainer Hübert: Warum die Business Impact Analyse (BIA) nicht funktioniert

Das Business Continuity und Resiliency Journal hat zusammen mit continuitycentral einen Wettbewerb “Business Continuity Paper of the Year 2012” ausgeschrieben. Rainer Hübert, MBCI aus Hannover, hat dafür einen Artikel “Why the Business Impact Analysis does not work” eingereicht, der als einer der sechs besten Beiträge des Wettbewerbs im Journal veröffentlicht wurde, wie continuitycentral berichtete: http://www.continuitycentral.com/feature0974.html.

Wer Herrn Hübert seine Email-Adresse schickt (rh@rex-systems.de), dem sendet er diesen Artikel gerne zu.

Rainer Hübert ist übrigens offenbar nicht der Einzige, der so denkt.

Hier ein weiterer Beitrag, der ähnlich argumentiert:

http://www.ez-planner.net/the-bia-survey-an-effort-in-futility

 

Anmerkungen der Redaktion:

Die Thesen von Rainer Hübert in diesem Artikel werden sicherlich nicht von jedem BCMer geteilt. Wir freuen uns auf Ihre Kommentare und eine interessante Diskussion hierzu in den BCM-News zu diesem Artikel.

Kommentar: Die Verführungen eine Business Continuity Managers

Business Continuity Manager sind auch nur Menschen und auch in diesem Job lauern Verführungen, die den BC Manager leicht vom rechten Weg abbringen können. Das beginnt mit der Business Impact Analyse. Auf den Geschäftsprozessen soll sie basieren. Und natürlich Wertschöpfungsketten durch die gesamte (nationale und internationale) Organisation unter Einbeziehung der Dienstleister berücksichtigen. Geschäftsprozesse? Ein alter Hut, möchte man denken. Weiterlesen…

BIA-Template

Die Webseite SearchDisasterRecovery.com hat einen Beispiel-Fragenkatalog für einen BIA-Fragebogen sowie ein Word-Template für einen BIA-Fragebogen zur Verfügung gestellt. Templates kann man ja grundsätzlich nie genug haben. Während ich den Fragenkatalog für die BIA-Fragen sehr umfassend und hilfreich  finde, ist das Word-Template zum Ausfüllen zu wenig strukturiert und damit auch nur sehr schwer auswertbar. Ich bin zudem kein Freund umfangreicher textlicher Beschreibungen und Erläuterungen in BIA-Fragebögen. Word und Excel bieten mittlerweile umfangreiche und leicht einsetzbare Formularfunktionen (Bsp. Drop-Down-Felder), die das Ausfüllen für den Fachbereich und die nachfolgende Auswertung durch das BCM extrem vereinfachen. Ein Gespräch, in dem der ausgefüllte Fragebogen einmal gemeinsam durchgegangen wird, ist zum Verständnis des Geschäfts ohnehin viel zielführender.

im BCM-Forum sammle ich übrigens die öffentlichen Templates, denen ich habhaft werden kann.

BIA-Tool für das iPhone, iPad und iPod touch [update]

Für die Durchführung der BIA gibt es verschiedene Lösungsansätze wie selbstgebaute Fragebögen auf Basis von Office (Word, excel etc.), webbasierte Questionnaires und Abfragemasken in BCM-Tools. Nachdem viele Lösungen, die früher nur auf dem PC nutzbar waren, mittlerweile als App in das iPhone Einzug halten, war es nur eine Frage der Zeit, bis die BIA auch als App auf das iPhone kommt. Weiterlesen…

Risiko “Weihnachten”

Die Feuerwehr meldet, dass die Anzahl der Wohnungsbrände zum Jahresende deutlich zunimmt. Mit jeder Woche kommt ein Risikofaktor “brennende Kerze” hinzu. Zudem werden die Adventskränze trocken und entzünden sich schneller. Insgesamt nimmt die Anzahl der Wohnungsbrände jedoch ab. Der Trend geht zum elektrischen Licht. Doch obwohl die Anzahl der Wohnungsbrände zurückgeht bleibt das Schadensniveau stabil. Dies liegt daran, dass die Einrichtungsgegenstände wie zum Beispiel Fernseher immer wertvoller und teurer werden. Das Risiko setzt sich eben aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenshöhe zusammen. Kann man im Haushalt den potentiellen Schaden noch relativ schnell per Augenschein ermitteln, dient im BCM die Business Impact Analyse hierzu. Die Zusammenhänge sind komplexer und neben dem finanziellen Schaden sind auch nicht-monetäre Schadensfolgen wie Image- und Reputationsschaden oder Verstösse gegen gesetzliche und aufsichtsrechtliche Bestimmungen in Unternehmen zu berücksichtigen. Eine sinkende (gefühlte) Eintrittswahrscheinlichkeit könnte dazu verleiten, das Risiko als geringer zu betrachten. Häufig stehen sinkenden Eintrittswahrscheinlichkeiten steigende Impacts zum Beispiel aus dem Unternehmens-, Umsatz und Kundenwachstum oder durch die Anschaffung teurer Anlagen (Produktionsanalgen, IT) gegenüber. Eine Business Impact Analyse deckt diese Zusammenhänge auf und ist daher elementarer Bestandteil des Risiko- und Business Continuity Managements.