Warten auf die Katharsis – doch Daisy enttäuschte

“Daisy” war da. “Daisy”, das Schneesturmtief. Schon Tage zuvor raunte Sven Plöger vor den rasenden und wirbelnden Pfeilen des “ARD-Strömungsfilms”, dass sich zum Wochenende mit großer Wahrscheinlichkeit eine Katastrophe anbahne. Es drohe nämlich der meteorologische Super-Gau, eine Vb-Wetterlage. Vb, das Schreckenskürzel. Wir erinnern uns: eine ähnliche Wetterkonstellation ließ 2002 beim “Jahrhunderthochwasser” der Elbe halb Sachsen und 2005 Teile der Alpen absaufen. Diesmal sollte sich ein solches Ungeheuer mit der über Deutschland lagernden Eiskeller-Luft vereinigen. Das bringe, wie Plöger mit rudernden Armen orakelte, “anhaltende”, “ergiebige” Schneefälle und, wegen des gleichfalls zu erwartenden Sturmes, massive Schneeverwehungen mit entsprechenden, möglicherweise katastrophalen Auswirkungen auf das öffentliche Leben. Der ADAC rief bereits dazu auf, unnötige Fahrten zu verschieben. Falls man sich doch auf die Straßen traue, solle man zuvor voll auftanken und warme Decken und Getränke einpacken.

In mir machte sich ein wohliges Gefühl der Erwartung breit. Ich liebe nämlich Katastrophen. Ich bin geradezu ein Katastrophenfan. Nicht, weil ich selbst gerne leide oder scharf auf Entbehrungen bin. Sondern weil ich der Überzeugung bin, dass wohl nur eine Katastrophe den vom Konsumrausch benebelten und vom Wachstumsfetisch gegängelten Menschen die Augen öffnet und ihnen klarmacht, dass es so wie jetzt nicht weitergehen kann. Spätestens seit Staatsführer aus aller Welt in Kopenhagen nach einem beispiellosen politischen und medialen Marathon den Klimagipfel grandios versemmelten, glaube ich nicht mehr an die Kraft der Aufklärung und der Einsicht. Nur noch an den großen Hammer. Nur eine echte Katastrophe kann bewirken, dass aus gehetzten Konsumsklaven vielleicht wieder Menschen werden. Menschen! Es muss ja nicht gleich ein Meteorit einschlagen und drei Viertel der Erde verwüsten. Aber zumindest ein kräftiger Warnschuss sollte schon drin sein.

“Daisy” schien in dieser Hinsicht recht vielversprechend. Vb-Tiefs sind heimtückisch. Sie saugen sich über dem Mittelmeer mit Wasser voll und fallen dann mit sintflutartigem Regen, sozusagen durch den Hintereingang, von Osten – normalerweise kommen bei uns die Tiefs von Westen – über Deutschland, Österreich und Osteuropa her. Dazu die Eisluft eines, wie allenthalben zu hören war,  lange nicht erlebten Ausnahmewinters. So etwas birgt Potenzial!

Überhaupt sind Wetterkatastrophen im Sinne des ökosozialen Bewusstseinswandels besser als von Menschen gemachte, wie etwa ein Chemieunfall, ein explodierendes Kernkraftwerk oder ein Selbstmordanschlag. Da kann der Mensch im Zweifel ja noch handeln, neue Techniken entwickeln, strengere Gesetze erlassen, Nacktscanner anschaffen. Doch gegen, wie es heute heißt, “Extremwetterereignisse”, ist der Mensch mit seiner komplizierten, hochsensiblen Infrastruktur immer noch ziemlich machtlos, auch wenn ein paar abgefahrene Wissenschaftler vom “Geo-Engineering” träumen. “Daisy”, so schien es, könnte zumindest für ein paar Tage die hyperaktive Gesellschaft des Turbokapitalismus unter einer dicken Decke aus Schnee und Eis zur Bewegungslosigkeit verurteilen. Und den Menschen ihre existenzielle Geworfenheit endlich wieder ins Bewusstsein rufen. Sie wieder ein wenig Demut lehren vor der Natur und ihren Mitgeschöpfen. Oder meinetwillen auch vor Gott, wenn man an ihn glaubt.

Das Unheil sollte Freitagnacht über Deutschland hereinbrechen. Ich verschob einen länger geplanten Wochenend-Kurzurlaub in der Fränkischen Schweiz, weil ich nicht unterwegs in meterhohen Schneewehen stecken bleiben und bei Eiseskälte im Auto übernachten wollte. Man kennt ja die Bilder aus den USA: verschneite Freeways, Geländewagen umgekippt am Straßenrand, umherirrende Menschen in dicken Daunenjacken – alles gespenstisch beleuchtet von flackernden Warnlichtern überforderter Räumdienste. Die Wetter-Apokalypse.

Der Blick aus dem Fenster am Freitagmorgen war allerdings ernüchternd. “Daisy” enttäuschte die hohen Erwartungen ins drohende Chaos, jedenfalls vorläufig. Straße und Nachbarhäuser waren nur leicht überzuckert. Und es hatte bereits aufgehört zu schneien. Von Chaos keine Spur. Aber noch war ja nicht aller Tage Abend. Schließlich verhieß der aktuelle Wetterbericht immer noch die ersehnte Katastrophe. Jörg Kachelmanns Unwetterzentrale im Internet warnte vor “Starkfrost” und “Starkschnee” und zwar nicht nur in bekannten Bibber-Löchern wie dem Funtensee oder Morgenröthe-Rautenkranz, wo die privaten Wetterdienste gerne ihre Messgeräte stationieren, um schöne Rekorde präsentieren zu können. Wetteronline hatte sogar einen “Live-Ticker” zum Schneechaos aufgelegt.

Eine echte Katastrophe habe ich selbst noch nicht erlebt. Wenn alte Menschen von der “Katastrophe” des Zweiten Weltkrieges erzählten, schien mir das so weit weg wie der Einfall der Barbaren in Rom, die Pestzüge im Mittelalter oder die Französische Revolution. Ganz Europa ein Trümmerfeld! Kaum vorstellbar für ein Kind der Sechziger, das in der Vollkaskowohlstandsgesellschaft aufwuchs.

Wie sich das anfühlt, wenn nichts mehr geht? Schwer zu sagen. Ich weiß nur, dass ich schon in Panik gerate, wenn mal das Internet ausfällt, die Heizung nicht richtig läuft oder das Auto nicht anspringt. Immer ist aber jemand zur Stelle, der das Problem in angemessener Zeit behebt. Was wäre aber, wenn der Hausmeister auch nicht mehr weiter weiß? Oder es gar keinen mehr gibt?Einen Mangel an aktuellen Katastrophen kann man nun wahrlich nicht beklagen. Es gibt die Armutskatastrophe, die Hungerkatastrophe, die Klimakatastrophe. Es gibt Erdbeben, Tsunamis, Wirbelstürme, Vulkanausbrüche, Dürren, Überschwemmungen, Unglücke aller Art und natürlich jede Menge Kriege. Aber sie bewirken wenig bis nichts, zumindest nicht in unserer, von der Natur begünstigten Wohlstandsregion. Man sieht Kinder mit vor Hunger aufgeblähten Bäuchen im Fernsehen und steckt sich dabei Kartoffelchips in den Mund. Man hört nach jeder Naturdokumentation den Abgesang auf irgendeine aussterbende Tierart. Man weiß, das ist Realität. Doch die meisten Menschen scheint diese Erkenntnis kalt zu lassen. Es kann sie nicht wirklich aufrütteln. Soziologen sagen, durch die Vorstellung von der Allmacht von Wissenschaft und Technik sei das Wissen um die Möglichkeit grundlegender Veränderungen der ganz konkreten Lebensumstände verloren gegangen. Das einzige Mal, wo ich so etwas wie Angst spürte, war die bizarre Live-Übertragung der Terrorattacken vom 11. September. Wenn jetzt der irre Bush mit Atombomben um sich wirft? Und die anderen zurückwerfen? Werden wir dann wissen, wie er schmeckt, der “Tag danach”?

Die Finanzkrise, sozusagen der kleine Bruder der Finanzkatastrophe, war in Sachen Bewusstseinswandel bekanntermaßen sehr enttäuschend. Gerade, als es richtig dicke zu kommen schien bei den Banken, spannten die missmutige Merkel und der forsche Steinbrück den Rettungsschirm auf und schnürten ihre Konjunkturpakete. Und die Zentralbanken überschwemmten den Markt mit billigem Geld. Mittlerweile sind die Banker, die den ganzen Schlamassel angerichtet haben, wieder bei Kräften, schmeißen wie einst mit Millionen-Boni um sich und drehen ahnungslosen Kunden ihre riskanten Finanzprodukte an. Bleibt eigentlich nur die Hoffnung, dass sich bald eine neue Blase aufpumpt und zur Bewältigung der nächsten Finanzkrise dann wirklich kein Geld mehr da ist. Aber wahrscheinlich bekommen wir statt der Wirtschaftskatastrophe doch nur eine mäßige Inflation, die jahrelang unspektakulär vor sich hinläppert.

Am Freitag werden die Meldungen zu Daisys verhängnisvollem Treiben immer schriller. Der Präsident des Bundesamtes für Katastrophenschutz, Christoph Unter, meldet sich zu Wort. Man solle sich mit Lebensmitteln eindecken sowie Kerzen, Trinkwasser und einem Medikamentenvorrat. Um die Durchsagen der Katastrophenstäbe oder der unter dem Reichstag verschanzten Notregierung hören zu können, sei auch ein batteriebetriebenes Radio bereitzuhalten. Soll ich jetzt rasch zum Elektrohändler laufen, um mir eins zu kaufen? Vielleicht sind ja schon alle weg, weil die Leute wie wild Batterie-Radios hamstern. Kerzen sind glücklicherweise noch von Weihnachten da. Und mein kleiner Lebensmittelvorrat im Küchenschrank reicht wohl für ein paar Tage, wenn man die restlichen Lebkuchen mit einrechnet.

In auffallendem Gegensatz zu Herrn Unter warnt ein Meteorologe vom Deutschen Wetterdienst vor “unnötiger Panik”. Allzu schlimm werde “Daisy” wohl nicht zuschlagen. So geht das. Zuerst lässt man den einen Experten ein bisschen Panik verbreitet, um dann den anderen davor warnen zu lassen. Da sind schon mal wieder zwei Punkte im Kampf um die Spitzenposition auf dem Nachrichtenmarkt. Meldungen über die “Winterhölle” kommen mittlerweile nicht nur aus Deutschland, sondern aus allen Teilen der Welt. Überall scheint das Streusalz auszugehen, scheinen  Menschen in Kälte und Dunkelheit ausharren zu müssen und der Verkehr “zum Erliegen” zu kommen. In China ist ein Mann nach stundenlangem Schneeschippen umgekippt und liegt nun im Koma. Und im Harz mussten wegen Sturm und Schneeverwehungen, oh Gott,  “einige Wintersportanlagen” geschlossen werden. Noch ein Experte rät, wegen der extremen Kälte keine Ohrringe zu tragen, weil die an den Ohrläppchen festfrieren könnten.

Im “Live Ticker zum Schneetief” auf Wetteronline geht es mittlerweile hoch her. Am Freitag um 21.08 Uhr berichtet ein Andreas Kühnel, dass es in Rodgau bei Frankfurt “seit einer knappen Stunde” schneit. Ein anderer User meldet sich mit einem gespenstischen Bild schneebedeckter Straßen aus dem sächsischen Weißwasser. Um 21.55 Uhr werden die Meldungen immer dringlicher: “In Hausach (Schwarzwald) hat es den ganzen Tag über nur leicht geschneit. Aber jetzt geht es richtig ab. Es schneit seit dem frühen Abend so richtig. Der Winterdienst kommt nicht hinterher, sehr schwierige Straßenverhältnisse.” Am frühen Samstagmorgen sind in Karlsruhe (!) schon “zehn bis zwölf Zentimeter” (!) zusammengekommen. So nimmt die Katastrophe ihren Lauf.  Um 07.12 verkündet der Online-Wetterdienst, melden fast alle Stationen des Landes Schneefall. Auch in Finnentrop-Serkenrode im Sauerland. Daniel Lübke berichtet: “Hier schneit und stürmt es kräftig bei minus 5 Grad.”

Um München scheint “Daisy” einen Bogen zu machen. In der Nacht zum Samstag ist so gut wie kein Flöckchen gefallen. Dafür nieselt es, was niemand vorhergesagt hat. Vielleicht kommt anstelle der Schnee-Katastrophe wenigstens ein knackiger Eisregen! Man erinnere sich an Ang Lees 1997 entstandenen Film The Ice Storm. Darin findet eine zerrüttete Familie erst wieder zusammen, als der Sohn im Zusammenhang mit einem Eisregen ums Leben kommt. Ein beklemmendes Drama, in dem die Naturgewalten die Rolle des Katalysators spielen.

Immer häufiger gesellen sich jetzt beschwichtigende Meldungen zu den schrillen Warnungen. Offenbar, so dichtet ein Journalistenkollege, lasse “Daisy” “Milde walten”. Am späten Samstagnachmittag endlich die traurige Gewissheit: “Das befürchtete Winterchaos ist bislang ausgeblieben.” Das Wörtchen “bislang” lässt zumindest noch ein kleines Fünkchen Hoffnung, dass sich Daisy vielleicht doch noch aufrappelt. Ein letztes Aufbäumen in der Nacht zum Sonntag. Norddeutschland meldet Schneeverwehungen und “sibirische Verhältnisse”. Autos und ein Zug bleiben stecken, ein paar Dörfer sind “von der Außenwelt abgeschnitten”. Das ist natürlich sehr unkomfortabel für die betroffenen Menschen. Aber ist das jetzt die viel beschworene Katastrophe, die “entscheidende Wendung zum Schlimmen”, wie uns der Herkunftsduden verrät. Oder gar das Chaos, die “Auflösung aller Werte”? Alles in allem war es wohl wieder nichts mit der Katharsis, die die Menschen zur Wahrheit führt und zur Umkehr zwingt. Anstelle von Martinshörnern und stereotypen Lautsprecherdurchsagen ist auf den Straßen nur ein kratzendes Geräusch zu vernehmen: Die wieder einmal Davongekommenen schaben das Eis von den Windschutzscheiben ihrer Autos und machen sich auf zum Sonntagsausflug ins friedlich-winterliche Oberbayern.

Quelle: ZeitOnline

0 Responses

Schreibe einen Kommentar