Gedanken zur Finanzmarktkrise aus BCM Sicht

Was hat die aktuelle Finanzmarktkrise mit Business Continuity Management zu tun? Auf den ersten Blick zunĂ€chst einmal nicht viel, ausser dass einige namhafte Finanzdienstleister aktuell um ihre GeschĂ€ftsfortfĂŒhrung bangen mĂŒssen. Die Ursachen fĂŒr diese Krise sind keine klassischen Business-Continuity-Szenarien wie IT- oder GebĂ€udeausfĂ€lle, sondern FehleinschĂ€tzungen von Markt- und Adressausfallrisiken.
Die Effekte, die diese zunÀchst lokale US-amerikanische Krise zu einer weltweiten Krise auswachsen liessen, sind jedoch die gleichen, die Unternehmen bei Eintritt eines Notfalls scheitern lassen:
1. Die Wahrscheinlichkeit extremer Ereignisse wird systematisch unterschÀtzt
2. Die Auswirkungen dieser extremen Ereignisse bei ihrem Eintritt nehmen drastisch zu.
Der Mensch tendiert dazu, die Folgen von extremen Ereignissen wie UnfĂ€lle oder Krankheiten im nachhinein zu verdrĂ€ngen. Dies gilt ebenso fĂŒr das Antizipieren derartiger Risiken in der Zukunft. Wir wĂŒrden ansonsten kaum jeden Tag sorglos mit dem Auto zur Arbeit fahren oder Raucher genussvoll ihre Zigarette rauchen.
Zahlreiche Studien belegen dieses PhĂ€nomen. Dies gilt auch fĂŒr das professionelle Risikomanagement insbesondere auch im Finanzdienstleistungsbereich. FĂŒr das Risiko-Management der Schwankungen von Marktpreisen von Wertpapieren gibt es ausgefeilte mathematische und statistische Verfahren. Die Auswirkungen von grĂ¶ĂŸerem ZinsĂ€nderungen werden mit Hilfe von Stresstests analysiert. Doch was passiert, wenn es im Prinzip gar keinen Zins mehr gibt, da keine LiquiditĂ€t mehr zur VerfĂŒgung steht fĂŒr die ein Zins bezahlt werden könnte? Was passiert, wenn ein namhafter Player und Emittent von Wertpapieren am Markt ausfĂ€llt und keine Bank mehr der anderen ĂŒber den Weg traut?
Diese Extrem-Ereignisse (Long Tail Risks) werden im Risikomanagement ausgeblendet. Den wenigsten KĂ€ufern der Zertifikate von Lehman Brothers dĂŒrfte bewusst gewesen sein, dass sie ein Emittenten-Risiko tragen. Dies gilt auch fĂŒr die Kunden der islĂ€ndischen Kaupthing-Bank, deren Gelder derzeit eingefroren sind.
Auch Banken können Pleite gehen und dies geschieht auch regelmĂ€ĂŸig. Auch in Deutschland haben wir in der Vergangenheit zahlreiche Beispiele hierfĂŒr vorzuweisen.
Diese Risiken sind da. Es hilft nicht, die Augen davor zu verschliessen. Das heisst nun wiederum nicht, dass der Sparer sein Geld besser unter das Kopfkissen legen soll. Auch dort ist es nicht sicher! Aber es gilt sich dieser Risiken bewusst zu sein. Erst wenn diese Risiken bekannt sind können sie auch vermindert, ĂŒbertragen oder – bewusst – akzeptiert werden.
Wo sind nun die Parallelen zum BCM?
Im Business Continuity Management kĂ€mpfen wir mit den gleichen PhĂ€nomenen. Extrem-Ereignisse die zu NotfĂ€llen oder Krisen fĂŒhren werden systematisch unterschĂ€tzt. Es gibt fĂŒr diese Ereignisse keine berechnete Eintrittswahrscheinlichkeit, da die Historie und damit die Datengrundlage fĂŒr die Berechnung fehlt. Trotzdem kann die Eintrittswahrscheinlichkeit morgen „1“ ein.
Die Unternehmen, die aufgrund eines Notfalls ihren GeschĂ€ftsbetrieb einstellen mussten oder von einem Wettbewerber oder Kunden ĂŒbernommen wurden haben keine Publicity (mehr) und können andere Unternehmen nicht mehr warnen. Die Überlebenden eines Notfalls wissen um die Bedeutung eines BCM und investieren in dieses Thema. Viele Unternehmen jedoch, die bislang einfach GlĂŒck gehabt haben, hoffen auch auf ihr GlĂŒck in der Zukunft und verdrĂ€ngen, dass jede GlĂŒcksstrĂ€hne auch einmal ein jĂ€hes Ende haben kann.
Tritt ein derartiges Extrem-Ereignis ein, sind die Folgen heute zudem dramatisch höher als in der Vergangenheit.
Die Krise auf dem amerikanischen Immobilienmarkt wurde zur internationalen Finanzmarktkrise erst dadurch, dass die Kredite und darauf basierende Derivate international in großen Volumina gehandelt wurden, in einer international sehr stark vernetzten Finanzdienstleistungsindustrie.
Auch NotfÀlle in Unternehmen haben heute wesentlich schneller und wesentlich höhere Auswirkungen.
Die IT ist in nahezu allen Unternehmen der Lebensnerv fĂŒr die GeschĂ€ft- und Produktionsprozesse. Ein Ausfall im Minuten- oder Stundenbereich resultiert in hohen finanziellen SchĂ€den, kann die Reputation ruinieren, zu Kundenverlusten fĂŒhren und damit die Existenz bedrohen. Manuelle Ersatz-Verfahren sind hĂ€ufig gar nicht mehr möglich. Welches Unternehmen hat noch eine Schreibmaschine in der Ecke stehen, um ein Papier-Formular (!) wie zum Beispiel ein Überweisungsformular ausfĂŒllen zu können? FĂŒr die IT ist die Notfallvorsorge daher bereits ein alter Klassiker.
Was nĂŒtzt uns aber die funktionierende IT, wenn wir fĂŒr die kritischen GeschĂ€ftsprozesse (welche sind das?) keine ArbeitsplĂ€tze verfĂŒgbar haben oder ein geschĂ€ftskritischer Service Provider nicht mehr liefern kann?
AusfÀlle in der technischen Infrastruktur, wie zum Beispiel der Stromversorgung, Internet oder Telefon legen ganze Regionen oder Branchen lahm.
Naturkatastrophen fĂŒhren zu deutlich höheren SchĂ€den als in der Vergangenheit. Die Ursache hierfĂŒr ist nicht dass diese öfters eintreten, sondern dass die Schadensfolgen deutlich höher sind. GrĂŒnde hierfĂŒr sind höhere Siedlungsdichten in den betroffenen Regionen und vor allem die höhere Konzentration an Vermögenswerten wie GebĂ€uden, Maschinen und Anlagen.
Wenn wir wissen, dass uns derartige Extrem-Ereignisse irgendwann treffen können und die Folgen in diesem Fall fĂŒr uns existenzgefĂ€hrdend sein können, versuchen wir die Risikofolgen zumindest so weit zu verringern dass sie nicht mehr existenzgefĂ€hrdend sind. Im privaten Bereich investieren wir in ein Auto mit einer inflationĂ€r wachsenden Anzahl an Airbags und benutzen zusĂ€tzlich den Sicherheitsgurt. Wir wissen, dass uns jederzeit ein anderer unvorsichtiger Verkehrsteilnehmer „aufs Korn nehmen“ kann. Wir können dies – solange wir das Auto benutzen – nicht verhindern. Wir treffen jedoch alle Maßnahmen, um die SchĂ€den fĂŒr unsere Gesundheit so gering als möglich zu halten.
FĂŒr Unternehmen ist Business Continuity Management der „Airbag“, mit dem die Risiken existenzgefĂ€hrdender NotfĂ€lle minimiert werden.

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